Ausschließlich in der Gegenwart
„Dunkle Wolken über Damaskus“ von Dima Wannous

Tagtäglich stranden an Europas Küsten immer noch mehr Flüchtlinge aus Syrien, so sie ihre Reise übers Meer denn überleben. Obwohl es also keinen besseren Zeitpunkt geben könnte, um die syrische Literatur ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, bleiben die hiesigen Verlage ziemlich stumm. Eine der kleinen großen Ausnahmen stellt »Dunkle Wolken über Damaskus« dar: ein Band mit Erzählungen der syrischen Autorin Dima Wannous, der vor kurzem in der Edition Nautilus erschienen ist.

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Der Eindruck, dass dieses Buch wie eine Flaschenpost vor unsere Füße gespült würde, liegt weniger am maritimen Namen des deutschen Verlags; vielmehr enthält »Dunkle Wolken über Damaskus« tatsächlich Nachrichten aus der Vergangenheit. Aus einer Vergangenheit, die gemessen an Jahren nicht allzu lange her ist, doch weit, weit, weit entfernt wirkt. Auf Arabisch erschien der Band 2007, aber gefühlt sei er ein Dutzend Jahre alt, schreibt Dima Wannous im Vorwort: »Das irrige Zeitgefühl ist ein Resultat der syrischen Revolution, die im März 2011 […] begann«. Was vorher war, sei »aus unserer Erinnerung ausgemerzt«, man lebe nun »ausschließlich in der Gegenwart« – daher die Verwunderung angesichts der eigenen Erzählungen.

Dem irrigen Zeitgefühl begegnet man allerdings schon in den einzelnen Geschichten immer wieder. Wannous erzählt von Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise in einer Umbruchsituation befinden – in deren Leben sich aber dennoch niemals etwas ändern wird. Da ist Dschaafar, der gerade seinen einflussreichen Posten verloren hat, aber weiterhin gern die Puppen für sich tanzen lassen will. Da ist die Journalistin Maha, die endlich den Stuhl der Chefredakteurin einnehmen darf, aber statt der erhofften Sicherheit nur noch mehr Furcht verspürt. Da ist Hanân, die syrische Zeitungen nur zum Fensterputzen benutzt und sich auch ansonsten wenig für politische Lager interessiert, solange die jeweils Mächtigen ihre Liebesdienste nur angemessen belohnen. Auch all die anderen erwachen aus ihrer geistigen und emotionalen Erstarrung höchstens in jenen Momenten, in denen die eigenen Pfründe in Gefahr geraten.

Es ist mithin kein Mangel, dass Dima Wannous´ »Details« – so nennt sie die Erzählungen – von der Wirklichkeit überholt wurden, im Gegenteil. Nur wegen der Zeitverschiebung hat sie ihnen ja eigens dieses Vorwort vorangestellt, das kaum weniger brisant, aporetisch und metaphorisch leuchtet. Wer wenigstens eine Ahnung von der syrischen Gesellschaft und deren Bewusstsein bekommen will, der muss dieses Buch lesen.

Dima Wannous: Dunkle Wolken über Damaskus. Aus dem Arabischen und mit einem Nachwort von Larissa Bender. Edition Nautilus, Hamburg 2014. 126 Seiten, 14,99 Euro

 

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