In Kürze: Grace Paley

Ihr Verleger riet ihr wohl nicht nur einmal dazu, endlich einen Roman zu schreiben. Auf die Frage, warum sie in ihrem langen Leben nicht mehr als drei Bände Shortstorys und drei Bände Gedichte publiziert habe, wusste die amerikanische Autorin Grace Paley gleich mehrere Antworten: Sie sei eine faule Person, habe ja immer auch noch anderes zu tun gehabt – etwa an Universitäten unterrichten, gegen den Vietnamkrieg kämpfen, wegen eines Antiatomtransparents im Gefängnis sitzen –, und überhaupt dauere Kunst viel zu lang und sei das Leben viel zu kurz. Grace Paley, geboren 1922, gestorben 2007, war eine Amerikanerin, wie sie die Verfassung der Vereinigten Staaten von 1787 wohl im Sinne hatte. So tough wie wohlerzogen, stets die nette Dame, doch mit einem entschiedenen Sinn für Gerechtigkeit, zugleich eine »no-schmaltz personality«, wie Paris Review sie beschrieb, und hineingeboren in das vielleicht spannendste und spannungsreichste amerikanische Milieu des 20. Jahrhunderts. Ihre Eltern waren osteuropäische, jüdische Sozialisten, die 1905 in das gelobte Land, genauer gesagt: nach New York emigriert waren.

PaleyWidrigkeitenCoverGrace Paleys Alter Ego, das sie in ihrem 1959 veröffentlichen ersten Erzählband erfunden hatte und in jedem weiteren erneut auftreten ließ, trug den Namen Faith Darwin. Im Vornamen das metaphysische Vertrauen, im Nachnamen der irdische Zweifel an der Göttlichkeit der Schöpfung – so etwa muss man sich auch Paleys Storys vorstellen: Die Menschen sprechen mitleidslosen Klartext, und dennoch klingt´s jedes Mal ein wenig unheimlich. Susan Sontag schrieb über sie: »Grace Paley gehört zu einer seltenen Gattung von Schriftstellern mit einer Stimme, wie niemand sonst sie hat: komisch, traurig, bescheiden, energisch, genau«.

In einem ihrer letzten Interviews wünschte sich Grace Paley für ihre Enkelinnen eine Welt »without militarism and racism and greed – and where women don’t have to fight for their place in the world.« Es verwundert nicht allzu sehr, dass ihr Wort offenbar nicht in Gottes Ohr gelangte.

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