Mit e und y
Über Lilian Lokes Debütroman „Gold in den Straßen“

Es zeugt von einem gerüttelt Maß an Souveränität, wenn eine Autorin dem Protagonisten ihres Debütromans einen Allerweltsnamen verpasst. Was buhlt die nachwachsende Generation nicht andauernd um Bedeutung, halst ihren Adas und Leanders Nachnamen auf, die bloß irgendwie außergewöhnlich klingen sollen. Nicht so Lilian Loke. Schlicht und einfach Thomas Meyer, so heißt man also bei Loke. Und genauso meint sie das auch: Dieser Meyer – der sich immerhin mit einem zwar unhörbaren, aber buchstäblich extravaganten y schreibt – dieser Meyer ist zugleich Leerstelle und tragische Person, zugleich Typus und Individuum, so entfremdet wie authentisch, und er tut genau das, was sein Name ihm historisch vorhersagt. Früher hat ein Meier Grundbesitz verwaltet, heute stellt er sich als Immobilienmakler vor.

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„Gold in den Straßen“ wagt genau das, was ein Roman stets wagen muss, nämlich die ganz große Geschichte vom Aufstieg und vom Niedergang, von der Karriere und vom Scheitern. Am Beginn steht eine Ohnmacht, Meyer ertrinkt aus lauter Angst vor dem Ertrinken beinahe im Stadtweiher. Dass er nicht schwimmen kann, weiß nur – als gliche ein Handicap das andere aus – sein blinder Freund Koll, ein Vertrauter seit seiner Zeit als Bankkaufmann, ein Relikt aus graueren Tagen. Meyers neue Welt gibt sich bunter und vor allem teurer. Brav hat er sich in der Immobilienbranche nach oben gearbeitet, nun sucht sein Chef einen Nachfolger, die Alphatiere wetzen die Hörner, Meyer gewinnt. Weil er noch den Tod seines Vaters zu Geld zu machen weiß – und damit die letzte Erinnerung an eine Kindheit als Sohn eines geizigen Handwerkers zu tilgen hofft.

Ziemlich cool, mit jugendlicher Eleganz, verpackt die Autorin ihre präzise, intellektuelle Arbeit mit Sprache, Rhythmus und Struktur in einer echten Tragödie, die sich ihrer Dramatik nicht schämt. Den Luxus-Villen, die Meyer im Portfolio hat, setzt Lilian Loke die Schuhmacherleisten aus der Werkstatt des Vaters entgegen: eine Maßanfertigung, ein einzigartiger – auch hier muss man sich der ursprünglichen Bedeutung des Worts erinnern – Abdruck von Meyers Fuß, ein Zeugnis seiner Individualität. Als diese Leisten in fremde Hände geraten, nimmt das Unheil in der schönen Warenwelt des Kaufens und Verkaufens seinen Lauf, eine Katastrophe wird von der nächsten übertroffen. Am Ende sitzt Meyer wieder beim blinden Seher Koll, gemeinsam verfolgen sie die letzte Live-Ziehung der Lottozahlen. Ob Koll diesmal gewinnt, verrät Lilian Loke nicht.

Lilian Loke: Gold in den Straßen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2015. 352 Seiten, 16,99 Euro.

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