Herr: es ist Zeit. Über Männer, Frauen, Quoten

Von der politisch nicht sonderlich sympathischen Margaret Thatcher stammt der Ratschlag »Wenn Du etwas gesagt haben willst, frage einen Mann. Wenn Du etwas erledigt haben willst, frage eine Frau!«. Wenn man sich die Münchner Literaturszene so ansieht, kommt man nicht umhin, ihr rechtzugeben – nicht, was das weibliche Tun betrifft, sondern das männliche Reden: Es genügt, die Grußwort-Doppelseite des diesjährigen Literaturfest-Programmhefts aufzuschlagen, um auf einen Blick zu erkennen, wer in der Münchner Literaturszene das öffentliche Sagen hat. Und den freundlichen Grüßen von Kulturreferent Hans-Georg Küppers, Staatsminister Ludwig Spaenle, dem Börsenverein-Bayern-Vorsitzenden Michael Lemling und Literaturhaus-Chef Reinhard G. Wittmann folgt ein Vorwort des Schriftstellers Clemens Meyer, der in diesem Jahr als Kurator der Reihe forum:autoren verpflichtet wurde und (nicht allzu überraschend) die ohnehin nicht sonderlich rühmliche Frauenquote der Reihe noch weit unterbietet. In seinem Programm stellt Nora Gomringer die einzige weibliche Schriftstellerin dar, die auch als solche – und nicht als Jurorin oder Moderatorin – auf die Bühne darf. Was im Programmheft als »radikale Moderne« und »grenzensprengend« und als »Auseinandersetzung mit Extremen und Provokation« angepriesen wird, fällt vor allem dadurch auf, dass die »Frage, wie man heute moderne, relevante Literatur machen kann und wie sich diese dann repräsentieren lässt« – so beschreibt Clemens Meyer sein Konzept – quasi ohne weibliche Beteiligung beantwortet werden soll.

quote1 quote2Das alles ließe sich als solipsistischer Kuratoren-Wille noch verkraften, wenn das diesjährige forum:autoren denn eine Ausnahme darstellte. Dem ist aber nicht so. Vielmehr bestätigt Clemens Meyer eine Regel des (nicht nur) Münchner Literaturbetriebs, wie sich an den nebenstehenden Zahlen ablesen lässt: Als literarisch interessant für die Öffentlichkeit gelten vor allem Männer. Schon die Eröffnung des Literaturfests versammelt als leibhaftige, schaffende Künstler ausschließlich Männer: Heinz Rudolf Kunze spielt Musik, Dieter Dorn plaudert über Botho Strauß, Clemens Meyer stellt sein Fichte-Céline-Bukowski-et.al.-Programm vor. Und dann waren da noch Katty Salié und Bibiana Beglau: Erstere darf durch den Abend führen, Letztere Texte lesen.

Besonders bemerkenswert ist ein Vergleich der verschiedenen Quoten. Während das intellektuelle Flagschiff des Literaturfests, eben das forum:autoren, in diesem Jahr besonders schlecht dasteht und auch das Literaturhaus eher bedrückende Zahlen aufweist, beweist die gerne als populär bis populistisch belächelte Bücherschau, dass mehr Geschlechtergerechtigkeit möglich ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Man muss keine Frauenquote für das Literaturhaus oder das Literaturfest fordern. Aber man darf schon die Frage stellen, warum dort so deutlich mehr Männer als programmwürdig erscheinen. Ja, warum eigentlich? Fragt sich das überhaupt jemand? Und: Macht sich irgendwer darüber Gedanken, wie sich das ändern ließe? Will man das denn? Oder interessiert das keinen?

In den USA wird schon länger gezählt. Im August 2009 gründeten die beiden Schriftstellerinnen Cate Marvin und Erin Belieu die Organisation »VIDA – Women in Literary Arts« (www.vidaweb.org), deren bekannteste Veröffentlichung seit 2010 der alljährliche »The Count« ist. 39 angesehene Magazine und literarische Zeitschriften werden dafür analysiert: Wie viele Kritikerinnen rezensieren dort, wie viele Kritiker? Wie viele Schriftstellerinnen werden besprochen, wie viele Schriftsteller? Das Ergebnis des ersten Counts, das beschreibt Erin Belieu in ihrer kurzen VIDA-Historie ganz treffend, schlug in der amerikanischen Literaturlandschaft ein wie eine Bombe, denn die Zahlen belegten krasse Missverhältnisse. »Women were conspicuously hard to find in anything like equal numbers to their male counterparts«, schreibt Belieu.

Immer wieder wurde die VIDA-Statistik kritisiert. Meist mit dem Hinweis, dass auch weniger Frauen vorgeschlagen würden, sowohl als Kritikerinnen wie auch als Schriftstellerinnen, und man also eine quasi gegebene Quote nur weitertrage. Im März 2013 fand VIDA auf diesen Einwand gleich sieben schlagkräftige Antworten, die vor allem an die Gestaltungsfreiheit der Chefredakteure erinnerten und sich über deren programmatische Passivität verwunderten. Die öffentliche Autorität – und das gilt nicht nur für die Presse, sondern auch und gerade für Literaturveranstalter – enthält die Pflicht und die Verantwortung, sich der Macht der Repräsentation wie der Kanonisierung bewusst zu sein. Wer über die Besetzung einer Bühne entscheidet und dabei ein ums andere Mal das Urteil fällt, dass Frauen dort vergleichsweise selten auftreten dürfen, der behauptet ein ums andere Mal, dass die Literatur aus weiblicher Hand eine geringere Qualität aufweist als jene aus männlicher Hand. Vermutlich wird der Verantwortliche diese wahrlich idiotische Behauptung als Unterstellung denunzieren und sie eifrigst weit von sich weisen – obwohl er sie ja längst getätigt hat, indem er Männer als deutlich repräsentabler denn Frauen begreift und markiert.

Dass eine männliche Dominanz den meisten Unternehmen zum Nachteil gereicht, gilt wissenschaftlich längst als erwiesen. Für die Literaturszene darf man ähnliches annehmen: Ein literarisches Programm, das eine Frauenquote von unter 30 Prozent aufweist, schadet allererst der Literatur – weil es nichts von der Welt erzählt, weil es kein Interesse für Debatten hegt, weil es sich taub stellt für die politische Implikationen der Gegenwart. Weil es, kurz gesagt, schlichtweg keinen Sinn macht. Also bitte: Schluss mit diesem Unsinn, und das am besten möglichst bald.

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