Petra Hulova & Sylwia Chutnik

chutnik_weibskramAnfang Oktober waren in München zwei Autorinnen zu Gast, deren gemeinsamer Auftritt an sich schon eine kleine große Besonderheit darstellte. Seit einiger Zeit holt die Reihe »Gut gepolt!« ein ums andere Mal die wirklich spannenden polnischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Münchner Ampere, doch diesmal erweitere man den Titel der Veranstaltung um einen westlichen Nachbarn, den mit Deutschland eine ähnlich traumatische Geschichte verbindet: Aus »Gut gepolt!« wurde »Gut gepolt und geczechkt!«; zu der 1979 in Warschau geborenen Sylwia Chutnik gesellte sich die exakt am selben Tag in Prag geborene Petra Hulová. Die beiden haben allerdings nicht nur ihr Geburtsdatum gemein, sondern auch den literarischen Eigenwillen, die stilistische Autorität und das Engagement für den weiblichen Blick auf die Welt. Bei Chutnik äußert sich das auch jenseits der Literatur: Mit anderen Frauen gründete sie im Jahr 2006 die Stiftung Fundacja MaMa, die sich aus feministischer Sicht für die Rechte der Mütter in Polen einsetzt – 2009 bekam sie dafür den Preis der Ashoka-Organisation.

Beide Romane, sowohl »Dreizimmerwohnung aus Plastik« von Hulova als auch »Weibskram« von Chutnik muss man gelesen haben: Ersterer bringt die groteske Poesie einer Prostituierten zu Gehör, deren mäandernder Monolog über Nachbarinnen und Kunden so delikat wie dreist, so explizit wie erotisch ist und deshalb nicht bloß zum literarischen Suchtmittel avanciert, sondern vor allem jede Menge gescheite Gedanken und blitzende Metaphern birgt. Das Mediale, das Sexuelle, das Soziale verheddern sich auf ganz großartige Weise zu einer zynischen und dennoch lebensfrohen Litanei, die weniger von der käuflichen Liebe als vielmehr von einer Welt erzählt, in der die Guten und die Bösen längst die Lust an solcher Rollenspielerei verloren haben.

In »Weibskram« sprechen statt einer Frau gleich vier – oder besser: drei Frauen und ein Mann, der womöglich gerne eine Frau wäre. Schon die Namen der Ich-Erzählerinnen – Mania, Maria, Marian und Marysia – verweisen auf schlechthin die polnische Ikone der Weiblichkeit und zudem auf die alles beherrschende Ideologie des Katholizismus. Jede von ihnen hat andere biografische Erfahrungen gemacht, auch weil sie ganz unterschiedlichen Alters sind. Mania scheitert am Leben und endet auf der Straße. Maria kann nicht vergessen, dass ihre Mutter starb, weil sie die Tochter in der unmittelbaren Nachkriegszeit vor den Vergewaltigungen der Besatzer in Schutz nahm – wobei sie recht genau versteht, wem der Krieg gehört und wem nicht: »Vergewaltigung, das ist ein hochgezogener Rock, zerrissene Unterwäsche, brutale Bewegungen. Und das Opfer hat die Chance zu überleben. Deshalb zählt es nicht auf der Kriegsskala […] das ist kein Heldentod, das sind keine Kriegsverletzungen, das ist Weibskram.« Erst die Jüngste der Runde, die elfjährige Marysia, will ihre Wut nicht mehr für sich behalten, nicht mehr nur heimlich in die Suppe spucken und ihre hübschen Kleidchen nur von innen mit Dreck einreiben. Im Finale verknüpfen sich die Erzählungen, die alle in demselben Warschauer Viertel spielen: ein funkelndes Kaleidoskop der Frauenbilder voller Licht und Dunkel.

 

Petra Hulova: Dreizimmerwohnung aus Plastik. Aus dem Tschechischen von Doris Kouba. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 192 Seiten, 17,99 Euro.

Sylwia Chutnik: Weibskram. Vliegen Verlag, Berlin 2012. Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasinska. 192 Seiten, 12,90 Euro.

Schöne Chutnik-Rezension auf poetenladen.de

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