Lila Hibiskus
Chimamanda Ngozi Adichies Debut auf Deutsch

adichie_purpleDie große Rolle, die der nigerianische und längst auch internationale Klassiker »Things Fall Apart« von Chinua Achebe in der literarischen Sozialisation der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie gespielt hat, machte sie gleich zu Beginn ihres ersten Romans »Purple Hibiscus« klar. Dessen erster Satz lautet: »Things startet to fall apart at home when my brother, Jaja, did not go to communion and Papa flung his heavy missal across the room and broke the figurines on the étagère.« Adichies Debüt erschien im Jahr 2003, und schon 2005 publizierte der Luchterhand Verlag die deutsche Übersetzung. Die auftaktende Intertextualität wurde darin allerdings verschwiegen – sei es aus Unkenntnis, sei es aus Unvermögen; tatsächlich ließ sich der damals gültige deutsche »Things Fall Apart«-Titel »Okonkwo oder Das Alte stürzt« kaum adäquat in den Adichie-Satz integrieren. Judith Schwaab übersetzte also: »Bei uns zuhause begann alles in die Brüche zu gehen, als mein Bruder Jaja nicht bei der Kommunion war und mein Vater sein schweres Meßbuch durch das Zimmer schleuderte und die Keramikfiguren auf der Etagere zerbrach.«

Vor allem der Titel »Purple Hibiscus« scheint die Übersetzerin vor ungeahnte Schwierigkeiten gestellt zu haben. Jeder halbwegs englischkundige Mensch weiß, dass die Farbbezeichnung »purple« üblicherweise mit »lila« oder auch »violett« ins Deutsche übersetzt wird. Adichie hat diese Farbe ja auch nicht zufällig gewählt: Der Roman beginnt an einem Palmsonntag, erzählt dann aus der Perspektive der 15jährigen Kambili, was vor und was nach diesem Palmsonntag geschah. In der liturgischen Farbenlehre des Christentums – das bei Adichie wie schon bei Achebe als zentraler und brutaler Mechanismus der Macht vorgestellt wird – steht Violett für Übergang und Wandlung. Diese Farbe wird in Zeiten der Buße getragen, das heißt vor Ostern und in der Adventszeit. Zum Beispiel bei der Palmsonntagsmesse.

Fast noch schwerer als die religiöse Bedeutung von Violett, die ohnehin erst durch den Inhalt ins Spiel kommt, wiegt die literarische Widmung, die »Purple Hibiscus« denkbar prominent ausstellt. Wenn eine in Nigeria geborene, teilweise in den USA lebende Schriftstellerin von der Farbe Lila spricht, ihren Roman gar damit betitelt, spricht sie immer auch von Alice Walkers »The Color Purple«, einem – ja, auch verfilmten – Standardwerk der afroamerikanischen Frauenliteratur. Die Farbe Lila steht in Walkers Roman einerseits – als abgetöntes Purpur – für das Göttliche; andererseits für eine Mischung aus Rot und Blau und damit – da die Farben geschlechtlich konnotiert sind – für den Ausgleich bzw. die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

Mit dem lila Hibiskus endet das erste »Purple Hibiscus«-Kapitel »Breaking gods – Palm Sunday«. Schon darin wird das Gewächs als »experimental« (experimentell) bezeichnet und ausdrücklich dem »startling red« (alarmierend roten) Hibiskus entgegengesetzt, der den Beginn der zu berichtenden Ereignisse markiert, die zu Jajas selbstgewählter Ex-Kommunikation führten.

Dass lila Hibiskus – im Gegensatz zu rotem oder auch blauem – gerade keine natürliche Gattung bezeichnet, sondern eine so seltene wie ‚künstliche‘, erklärt im zweiten Kapitel »Speaking with our Spirits – Before Palm Sunday« die zweite Hibiskus-Szene des Romans, in der man erst begreift, was es mit dieser Pflanze auf sich hat. Kambili und Jaja sind bei ihrer Tante Ifeoma zu Besuch, wo sie erstmals an der Freiheit (wofür die Farbe Lila ebenfalls steht) schnuppern, eine vitale Un-Ordnung erfahren und der Macht ihres so christlichen wie gewalttätigen Vaters entzogen sind. Jaja bemerkt bald den lila Hibiskus in Ifeomas Garten: »I didn´t know there were purple hibiscus«, sagt er, und Ifeoma erklärt: »Everybody hast hat reaction the first time. My good friend Philippa is a lecturer in botany. She did a lot of experimental work while she was here.« Man darf den lila Hibiskus mithin nicht nur als Symbol für weibliche Emanzipation – die Ifeoma von Kopf bis Fuß verkörpert – verstehen, sondern auch Symbol für eine hybride, ‚gepfropfte‘ Identität, in der sich indigene Tradition und koloniale Kultur überkreuzen. Während Kambili und Jaja von ihrem Vater aufs Christliche und Englische eingeschworen wurden – und misshandelt werden, wenn sie sich dem widersetzen –, zelebriert man in Ifeomas Haus eine Mischung aus Englisch und der ‚eigenen‘ Sprache Igbo, aus christlichem Gebet und Volksgesang, aus Buße und Lebensfreude.

Die deutsche Übersetzung von »Purple Hibiscus« hat all diese Hinweise aufs Ungewöhnliche, Seltene, Hybride übersehen oder ignoriert. Auf Deutsch heißt der Roman »Blauer Hibiskus«, und damit nach einer Pflanze, die weder eine Rarität noch eine botanisches Experiment darstellt. Das deutsche Cover zeigt – im Gegensatz zum englischen, auf dem ein rosafarbener Hibiskus zu sehen ist – einen alarmierend roten (Taschenbuch) bzw. blass blaugrauen (gebundene Ausgabe) Hibiskus.

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