Aufwachsen, amerikanisch
»Die Zahnfee« von Elizabeth Ellen

ellen_fastmachine_coverAls wichtiger Schritt auf dem Weg ins Erwachsenenleben gilt die Entdeckung, dass kein Christkind die Geschenke unter den Baum legt und kein Osterhase die süßen Eier im Garten versteckt. So lange Kinder noch an die Existenz der spendablen überirdischen Wesen – und damit an die Geschichten ihrer Eltern – glauben, ist die familiäre Welt in Ordnung. Erst später wird man sich darüber lustig machen, um sein Gegenüber der Naivität zu zeihen: Du glaubst wohl noch an den Weihnachtsmann!? In den USA klingt diese rhetorische Frage ein wenig anders, nämlich: Do you still believe in the tooth fairy!? Der Mythos der Zahnfee, der hierzulande oft für Kapitalismuskitsch – typisch Amerika! – gehalten wird, gründet tatsächlich ebenfalls in der althergebrachten Ritualen. Er markiert den Übergang von Kind zum Erwachsenen; jeder ausgefallene Milchzahn wird mit einem Goldstück belohnt.

Elizabeth Ellens Erzählung »Die Zahnfee« handelt von einem solchen Milchzahn – und davon, warum er sich nicht über Nacht in ein Goldstück verwandelt. Denn zwischen dem Ausfallen und dem Morgen danach liegt ein Abend, den »das Mädchen« mit ihrer Mutter und dem »Wolfmann« in einer Bar verbringt. Das Mädchen ist siebeneinhalb Jahre alt, aber längst heimisch in der Welt der Trinker, Spieler und Spelunken, weil die Mutter sie einfach auf die nächtlichen Touren mitnimmt, wenn sich kein anderer zum Aufpassen findet. »Vor dem Wolfmann hatte es zwei andere Männer gegeben. Einer davon, ihr Vater, war gekommen und wieder gegangen«.

Und während in der Tiefe des Barraums die Mutter – »eine Frau von unkontrollierbarer Leidenschaft und fragwürdigem Urteilsvermögen, und beides schien sich durch die Einnahme von Scotch noch zu verschlimmern« – den üblichen Thekenstreit vom Zaun bricht, versucht das Mädchen die Gefallenen auf einem Schlachtengemälde zu zählen, das den Krieg zwischen amerikanischen Ureinwohnern und europäischen Eroberern des Kontinents darstellt. In der Brutalität des Gründungsakts der Vereinigten Staaten spiegelt sich die Biografie des Mädchens, das nie wirklich Kind sein durfte und schon gar nicht erwachsen werden will, da es beim Anblick der Mutter ja ahnt, wie das ausgehen wird.

»Die Zahnfee« findet sich in dem Band »Die letzte Amerikanerin« von Elizabeth Ellen, der wenigstens zwölf der 94 Erzählungen aus dem fast 400 Seiten starken Band »Fast Machine« enthält, die der Verlag als »exklusive Auswahl« bewirbt. Man darf vermuten, dass man mehr nicht wagen wollte, da Elizabeth Ellen den wenigsten hiesigen Lesern ein Begriff sein dürfte. Ein Fehler, natürlich: Wer sich lieber im Bodensatz des amerikanischen Traums suhlt, statt bei einer weiteren Geschichte über das ach so dramatische Zerfallen einer bürgerlichen US-Familie zu langsam wegzudämmern, der ist bei Ellen bestens aufgehoben. Weil diese Schriftstellerin gerade nicht mit großer dramatischer und ironischer Geste wehklagt, dass der Weihnachtsputer misslungen ist, sondern von der so banalen wie abgründigen, so faszinierenden wie schmerzhaften Schönheit der Vereinigten Staaten berichtet.

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin. Aus dem Amerikanischen von Christoph Jelicka. Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 2014. 238 Seiten, 14,95 Euro.

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