Der Herrenmantel der Frieda Geier: Marieluise Fleißer, + 2.2.1974

grabstein4Auf den Namen Luise Marie wurde sie getauft, gerufen wurde sie von Familie und Freunden „Luis“, als „Aloysia“ immatrikulierte sie sich an der Münchner Universität, der Schwabinger Bohème stellte sie sich als „Lu“ vor, der eine Schriftsteller präsentierte sie dem anderen als „der schönste Busen Mitteleuropas“, dann wurde aus ihre „Marieluise“, dann „die fleisserin“ und in einer autobiografischen Skizze zog sie sich schließlich zurück auf die namenlose dritte Person „sie“. Gestorben ist „Luise Maria Fleißer“ – so steht es in ihrem letzten Pass – vor 40 Jahren, am 2. Februar 1974. Geboren werden aber wollte sie im Nachhinein unbedingt einen Tag später: In ihrer Geburtsurkunde ist der 22. November 1901 vermerkt, sie selbst gab stets den 23. November 1901 als ihren ersten Tag im Leben an. Ein Motiv, das mir unverständlich ist, aber dennoch einleuchtet, wenn man weiß, dass Fleißer einmal von beiden Tagen Horoskope erstellen ließ: Ihr Sternzeichen ist Skorpion; wäre sie am 23. November geboren, wäre es Schütze gewesen.

Akzeptiert man für Fleißers Leben und Werk die ja naheliegende Metaphorik des Theatralen – sei mal dahingestellt, ob sie gerne Rollen spielte, ihr diese Rollen oktroyiert wurden oder sie sie einfach dankbar annahm –, dann fällt zumindest mir sofort der bemerkenswerte erste Auftritt der „Mehlreisenden Frieda Geier“ (so der Titel der Erstausgabe 1931) auf der Bühne von Fleißers Roman „Eine Zierde für den Verein“ (1971, überarbeitet für die Werkausgabe) ein. Bereits mit dem ersten Satz hat der Leser den Anfang verpasst: „Dies ist der vierte Tag, seitdem Gustl Gillich, Tabakwarengillich, seinen eigenen Laden am Bitteren Stein aufgemacht hat.“ Jener Ur-Moment der Ablösung von den Eltern ist immer schon vergangen – oder hat er gar nie stattgefunden? Jedenfalls scheinen Gustls Eltern ihm absichtsvoll Steine in den Weg der Selbständigkeit zu legen, und überhaupt sind die Bedingungen schlecht: Die Zigarren sind feucht, weil die Mutter sie im zugigen Hausflur stehen ließ, und der Laden selbst taugt nicht recht zum Laden, weil es ihm an einem direkten Zugang von der Straße mangelt und Gustl sich vom Vermietersohn wie von den städtischen Vorschriften gegängelt fühlt. Kaum ist´s sieben Uhr, steht die Polizei schon in der Tür und mahnt das noch brennende Licht an. Allein:

Die Landespolizei ist umgänglich gegen Gustl, sie kennt ihn vom Schwimmen.

Man begreift sofort die kleinstädtischen Verquickungen von Privatem und Öffentlichem, denn schließlich kennt nicht die „Landespolizei“ den Gustl vom Schwimmen, sondern kennen ihn daher die beiden Männer, die gerade deren Uniform tragen. Und so benutzen sich auch kein „ich“, sondern einen vierten Namen, als sie wissen wollen, wann Gustl das nächste Mal ins Schwimmbad käme:

»Der Rih will wissen, ob du heut am Plan bist«, rufen sie im Weggehn.
Der Plan ist das Sportgelände seines Vereins.
Am Plan? Es ist Freitag, doch Gustl steht der Magen nicht nach einem Training.

Und auftritt im nächsten Satz die Frieda Geier:

Er weiß eine, die schuld ist daran, dass er nicht mehr regelmäßig auf den Plan geht. Sie heißt Frieda Geier und hat einen Mantel wie diesen an, auf den seine Augen fallen.
»Onkel Grausam!« sagt Frieda bloß und bleibt in einiger Entfernung von ihm stehen, die Hände in ihrem unmenschlich langen Herrenmantel vergraben.

Wie sich da die Schuldige an seiner Unsportlich- und Ungeselligkeit gleichsam materialisiert, und zwar als Herrenmantel, das ist schon überaus brillant gemacht: Er denkt an die Sündenfall-Eva, dann erscheint sie zunächst nur in seinem Blick, jedoch als anwesend, jedoch geschlechtlich kostümiert mit einem Herrenmantel, der noch dazu als „unmenschlich lang“ beschrieben wird.

Ihre Themen seien „natürlich immer nur etwas zwischen Männern und Frauen“, erklärte Marieluise Fleißer in einem Interview; ob das „nur“ abwertend oder ausschließend gemeint ist, wird nicht klar. Ihr Werk begriff sie jedenfalls als das Gegenteil von Frauenliteratur: „Ich bin keineswegs sicher, dass Frauen mehr Organ dafür haben, im Gegenteil!“ Man muss hoffen, dass sie wenigstens mit Letzterem unrecht behalten hat.

Schreib einen Kommentar