Kritisches Schaudern: Ann Cotten wird rezensiert

cotten_faecher_cover_kleinIch bin ehrlich entsetzt. Und zwar von der Zeit-Online-Rezension von Ann Cottens neuem Buch DER SCHAUDERNDE FÄCHER. Ann Cottens Intellekt, das sei hier gleich mal zugegeben, lasse ich mir nicht ausreden: Ich halte diese Autorin für eine der bemerkenswertesten der Gegenwart, weil sie nie dem Mainstream folgt und immer etwas Anderes macht als alle Anderen, das man auch niemals vorhersagen könnte. Und das, was sie macht, lese ich mit einer großen Faszination, da Cotten einerseits sehr belesen ist und deshalb andererseits immer auch über das Schreiben selbst schreibt. Warum ich als Kritikerin mit dieser Faszination ziemlich alleine dastehe, die meisten anderen RezensentInnen mit gleichsam warnender Stimme über eine anstrengende oder zumindest anspruchsvolle Lektüre jammern, kann ich leider nicht erklären. Ich dachte eigentlich, Kritiker sind Kritiker, weil sie gerne lesen, und zwar je komplexer desto lieber.

Doch zurück zur Zeit-Online-Rezension, in der fast kein Satz stimmt. Der erste Absatz lautet:

Nachdem sich schon in Ann Cottens letztem Gedichtband einige Prosa eingeschlichen hatte, ist es jetzt umgekehrt: Ihr erster Erzählband Der schaudernde Fächer strotzt vor Gedichten. Mal stehen sie am Ende eines Kapitels, mal mittendrin, und immer wirken sie wie eine Fortsetzung, wie ein Versuch von Zuspitzung dort, wo die Prosa an ihrer Erzählmission scheitert.

Von einem „Strotzen“ kann allerdings genauso wenig die Rede sein wie von einem „Einschleichen“ hinsichtlich des Vorgängerbuchs. In DER SCHAUDERNDE FÄCHER finden sich gerade einmal elf Gedichte auf 250 Seiten, und die stehen eben nicht „mal am Ende eines Kapitels, mal mittendrin“, sondern nur in Ausnahmefällen mittendrin und üblicherweise am Ende einer Erzählung, nicht eines Kapitels. Auch handelt es sich nicht um einen „Versuch von Zuspitzung“, da die Prosa auch nicht „an ihrer Erzählmission scheitert“ (was immer das heißen soll), sondern vielmehr um einen Höhepunkt (inklusive dessen sexueller Konnotation) oder wenigstens um eine andere Form, die ganz sicher nichts „zuspitzt“ (so etwas tut Lyrik nicht), sondern vielleicht etwas – um im Bild zu bleiben – ejakuliert.

Der zweite Absatz lautet:

Es passiert nicht viel in diesem Buch. Offiziell befinden wir uns auf einem japanischen Erlebnisbauernhof, in der algerischen Wüste oder in der Ukraine, eigentlich aber sind wir im Kopf der Ich-Erzählerin eingeklemmt; hier dürfen wir an Grübeleien zu teilhaben. Zum Thema Liebe etwa heißt es, sie sei mit den Abgründen der Sucht vergleichbar, sie bedeute, einen Menschen so gern zu haben wie die eigene Lieblingsserie.

Ignorieren wir mal, dass das Wort „Ukraine“ mit allen Zeit-Online-Artikel verlinkt ist, die mit dem Schlagwort „Ukraine“ versehen wurden, denn das macht wirklich absolut keinen Sinn. Dass „nicht viel passiert“ in diesem Buch, ist in meinen Augen eine ziemlich merkwürdige Äußerung angesichts der Tatsache, dass die Menschen im Grunde fortgesetzt unterwegs sind, verhältnismäßig viel Sex vorkommt (einmal gar in einem offenen Grab) und formal nicht wenig Spannendes geschieht. Klar, Krimi ist das keiner, im Gegenteil: Cotten schreibt beständig entlang der Grenzen, sei es zwischen Täter und Opfer, zwischen Mann und Frau, zwischen dem Einen und dem Anderen oder zwischen „Common Sense“ (Ann Cottens Begriff für Diskurs) und Subjekt (= Autor). Das ist es wohl, was die Rezensentin mit „im Kopf der Ich-Erzählerin eingeklemmt“ meint. Die Sache ist nur: Bitte wo wollte man sich denn sonst befinden?

Wer ernsthaft Literatur und nicht bloß Unterhaltung sucht, der begehrt doch keine realistischen, sondern eben literarische Ereignisse (wovon DER SCHAUDERNDE FÄCHER überragend viele vorweisen kann). Schließlich besteht Literatur, so viel Basiswissen sollte schon sein, aus Buchstaben, das heißt aus Zeichen, die etwas bedeuten und dieses Bedeutete deshalb niemals sein können. Eben um diese Differenz – die die Rezensentin nicht einmal zu kennen scheint – geht es Cotten ein ums andere Mal. Daher auch der Titel der Buchs, über den nachzudenken durchaus hätte helfen können: Die Metapher des Fächers kennt man von dem Dichter Stephane Mallarmé als zugleich enthüllendes und verbergendes Utensil, das den Kontakt zwischen zwei Augenpaaren zugleich ermöglicht und verhindert. Das Schaudern nimmt das erotische Moment ein weiteres Mal auf und bringt auch eine Unschärfe ins Spiel. Dass die Texte dieses Bandes von Blicken erzählen, vom Verschwinden und vom Möglichen, ist mithin nicht allzu überraschend. Und die Stelle mit der Lieblingsserie ist beileibe nicht so banal, wie es auf Zeit Online klingt, sondern ein kluger Reflex auf die Differenz zwischen Mensch und Ding.

Überspringen wir ein paar Absätze und kommen wir zu dem, was die Rezensentin über Ann Cottens Figuren sagt:

Sie alle geraten jedoch flach, sind in ihrer Geschichte, ihren Wünschen und Abgründen nicht greifbar. Sie tauchen nur auf, um wenige Zeilen später wieder zu verschwinden. Daher überrascht es wenig, dass einige von ihnen gegen Ende des Buchs als reine Erfindung enttarnt werden.

Tatsächlich verschwinden die Figuren nicht nach wenigen Zeilen wieder und vor allem tauchen sie immer wieder auf in den verschiedenen Erzählungen, so dass ein regelrechtes Gewebe, eine – um es mit Ann Cotten zu sagen – „Konstellation“ erwächst, weshalb man DER SCHAUDERNDE FÄCHER mit einigem Recht auch als Roman bezeichnen dürfte. Vor allem aber kann bei Cotten keine der Figuren als „Erfindung enttarnt“ werden, schon gar nicht als „reine“, da es sich von Anfang an explizit um solche handelt. Wie übrigens immer in der Literatur, siehe oben: Literatur besteht aus Buchstaben, nicht aus der Realität. Dass ein Gutteil so seltsame Namen wie „Samsung“ oder „Virgin“ oder „Gazelle“ trägt und also ohnehin kaum als ‚authentisch‘ durchgehen dürfte, verschweigt die Rezension wohlweislich wegen ihrer Forderung nach ‚echten Menschen‘, nach deren „Wünschen und Abgründen“, und das heißt wohl: nach Literatur, die über ihre Literarizität keine Kenntnis hat (was immer die langweiligste Form von Literatur ist). Mit Cottens Ich-Erzählerin entgegnet: „Was hat ein anderer von ihrem Innenleben, was soll er damit anfangen?“

Da diese Kritikkritik nun schon recht lang geworden ist, will ich mich zu den anderen wüsten Behauptungen dieser Rezension, etwa dass sich die „philosophischen Exkurse der Ich-Erzählerin in immer schrillere Tonhöhen schrauben“ oder dass die Texte „schwer nach Spätpubertät klingen“ (womit auch klar wäre, dass die Rezensentin mit der Autorin schon rhetorisch zurande kommt), hier lieber nicht mehr weiter äußern.

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