„Aw, aw! Ah´m colored!“: Über Zora Neale Hurston

Zora Neale Hurston, Foto von Carl Van Vechten (1938)

Zora Neale Hurston, Foto von Carl Van Vechten (1938)

Auch in Chimamanda Ngozi Adichies Roman Americanah gibt es diesen Moment, in dem die weibliche Hauptfigur erkennt, dass ihre Hautfarbe plötzlich einen Unterschied macht: Ifemelu verlässt Lagos – wo ihr dunkler Teint den Normalfall darstellt –, um in den USA zu studieren – wo ihre Hautfarbe sie zur Anderen und damit zur Zielscheibe von Rassismus macht. In Nigeria war ihr nie bewusst gewesen, dass sie schwarz ist; in den USA vergisst sie es in keiner Sekunde. Von einer ähnlichen Migrationserfahrung berichtete die Schriftstellerin Zora Neale Hurston in ihrem Essay How It Feels to Be Colored Me aus dem Jahr 1928:

I remember the very day that I became colored. Up to my thirteenth year I lived in the little Negro town of Eatonville, Florida. It is exclusively a colored town. The only white people I knew passed through the town going to or coming from Orlando. […] when I was thirteen […] I was sent to school in Jacksonville. I left Eatonville, the town of the oleanders, a Zora. When I disembarked from the river-boat at Jacksonville, she was no more. It seemed that I had suffered a sea change. I was not Zora of Orange County any more, I was now a little colored girl. I found it out in certain ways. In my heart as well as in the mirror, I became a fast brown – warranted not to rub nor run.

In ihrem Roman Their Eyes Were Watching God beginnt Hurston die Binnenerzählung (dazu gleich mehr) mit einer solchen Szene der ‚Selbsterkenntnis‘. Die kleine Janie und ihre Spielkameraden lassen ein Foto von sich machen – und als der Fotograf den Abzug vorbeibringt, findet sich Janie nicht auf dem Foto:

Und wie wir uns dann das Bild ansehen und auf jeden wird mit dem Finger gezeigt, da ist am Ende bloß noch ein ganz dunkles kleines Mädchen mit langen Haaren neben Eleanor übrig. Eigentlich hätte ich da stehen müssen, aber dass ich das sein soll, das dunkle Kind da, das hab ich nicht erkannt. […] Ich hab das Bild lange angeschaut und gesehen, dass es mein Kleid war und meine Haare, und da hab ich gesagt: ‚Aw, aw! Ah´m colored!‘ Weil ich doch nicht wusste, dass ich farbig war. Da haben sich alle kaputtgelacht. Aber bis ich das Bild gesehen hatte, dachte ich, ich wär so wie alle andern.

Der Roman selbst unternimmt eine ähnliche Distanzierung/Dopplung vom eigenen Ich, die letztendlich die Identität der Erzählerin begründet. Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei Their Eyes Were Watching God um die Biografie der Janie Starks, von ihr selbst erzählt: eine Geschichte weniger der ethnischen als vielmehr der weiblichen Emanzipation. Allein, da gibt es nicht nur eine Rahmenhandlung, sondern auch bald einen Wechsel der Erzählperspektive.

Gleichsam als Prolog sitzt eines Abends (wie wohl jeden Abend) eine Gruppe Männer und Frauen auf einer Veranda zusammen, um zu ratschen und zu tratschen. Und endlich passiert mal etwas richtig Aufregendes: Eine Frau kommt die Straße entlang, viele Jahre war sie fort, nun kehrt sie heim. Und sogleich zerreißen sich alle das Maul über sie und ihre Vergangenheit. Erst auf der vierten Seite erfährt man den Namen der als überaus attraktiv geschilderten Frau; er lautet Janie Starks. Auf der Veranda sitzt auch Pheoby Watson, Janies beste Freundin, die erst gegen die Lästerei einzuschreiten versucht, sich dann aber von dannen macht zu Janie. Pheoby löchert Janie, wie es ihr seit ihrem Wegzug ergangen ist – und so beginnt Janie zu erzählen. Noch in der Ich-Form und als Zitat erfährt man von jener oben erwähnten Foto-Spiegelszene, dann übernimmt die Autorin mit der Personalperspektive. Die Linie ist deutlich: Von der auktorialen über die Ich- zur Personalperspektive. Beziehungsweise: von „die da“ über „ich“ zu „sie“.

Damit ändert sich vor allem die Sprache, denn Janie spricht einen Slang, den Hurston als „a Negro way of saying“ bezeichnete:

Ah ain´t never seen mah papa. And Ah didn´t know `im if Ah did. Mah mama neither. She was gone from round dere long before Ah wuz big enough tuh know. Mah grandma raised me. Mah grandma and de white folks she worked wid.

hurston_gott_coverIn der deutschen Neuübersetzung, die 2011 in der edition fünf unter dem Titel Vor ihren Augen sahen sie Gott erschienen ist (und aus dem das obige deutsche Zitat stammt), hat sich der Übersetzer Hans-Ulrich Möhring damit beholfen, dass er immer wieder Sätze aus dem Original stehen lässt („Aw, aw! Ah´m colored!“) und andererseits vor Neologismen nicht zurückscheut („monstropolös“). Stefana Sabin hat dieses Vorgehen in der NZZ in einem schnöden Satz als untauglich zurückgewiesen: „Die Verdoppelungen wirken eher lästig und die Wortschöpfungen befremdlich.“ Gerade das finde ich allerdings das gelungene Moment an dieser Übersetzung: dass die Verdopplungen das rhetorische Moment dieses Romans ein weiteres Mal betonen – zweifellos eines der wichtigsten Themen von Their Eyes Were Watching God ist das Gerede der Anderen – und der Text zugleich ein wenig fremd klingt, sowohl nach anderen Zeiten als auch nach anderen Räumen. Ein regelrechtes ‚Eindeutschen‘ kann ja kaum das Ziel einer Übersetzung dieses Romans sein.

 

Linktipps

http://zoranealehurston.com/

Alice Walker: Looking for Zora (1975)

Der Traum ist die Wahrheit. Eine Lange Nacht über die amerikanische Schriftstellerin und Anthropologin Zora Neale Hurston (Deutschlandradio Kultur)

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